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Montag, 1. Januar 2018

Im Unterricht vom Kind ausgehen

Kürzlich quälte ich mich durch einen Onlinekurs. Viele Inhalte wurden als Filme dargeboten. Entsprechend vermittelten sie die Inhalte nicht direkt, sondern in irgendwelche konstruierten Rahmenhandlungen eingebettet. Da der Kursanbieter mehr vom Inhalt, wie von Rahmenhandlungen versteht, dafür aber viel Steuergelder zur Verfügung hatte, kann sich jeder wohl selber vorstellen, wie das Resultat ausfiel. Immerhin. Ganz zum Schluss gab es eine schöne Kirsche auf den versalzenen Kuchen, der mich das vorhergegangene fast vergessen liess...

Dieser Film zeigt, wie Schule sein sollte (sagen die Autoren, denen ich gerne beipflichte). Als Anstoss und Neujahrsvorsatz:



Vielleicht sollten wir uns diesen Film jeden Monat einmal anschauen?


PS. Sagte das nicht schon vor etwa 90 Jahren einmal jemand? (Wer sich nicht erinnert, darf in den Schlagworten nachschauen.)

Montag, 20. Juni 2016

Die ideale Klassengröße

Gibt es eine ideale Klassengröße? Die Antwort ist - wen erstaunt es -: es kommt darauf an. Die Klassengröße spielt eine Rolle, aber auch die Klassenzimmer, die Lehrmittel, Klassenassistenten, die Größe der Schule. Vor allem Kinder aus bildungsfernen Familien profitieren mehr in kleinen Klassen. Aber es kommt auch auf uns Lehrer an: Einige von uns unterrichten besser in kleinen Klassen, andere in großen.



Die Antwort könnte etwas lauten: Kleine Klasse oder große Klasse mit Assistenten. Der Beitrag aus Katar mit Beispielen aus Italien und dem Vereinigten Königreich zeigt dies gut auf. Klar ist: Eine 08/15-Schule, die alle Kinder (und Lehrer) über die gleichen Leisten schert, wie es heute als angebliche Chancengleichheit leider oft der Fall ist, ist höchstens eine mittelmäßige Schule.


Nachtrag zur italienischen Schule im Filmbeitrag: Die Lehrerin scheint nicht auf ihren Einsatz in einer Mehrklassenschule vorbereitet worden zu sein. Das lässt sich aus ihren Äußerungen schließen - oder aber Italien hat einen sehr starren Lehrplan. Ich habe selber über mehrere Jahre an solchen Klassen unterrichtet. Dabei gab es enorm viele Synergien, etwa in Geographie, Geschichte, Naturkunde, Muttersprache und den musischen und handwerklichen Fächern. Nur Mathematik und die Fremdsprachen erfordern einen jahrgangsmäßigen Unterricht.

Montag, 5. Oktober 2015

Viele Gedanken zum freien Unterricht

Studenten, die im Unterricht der Grundschule Berg Fidel in Münster hospitiert haben, stellen Schulleiter Reinhard Stähling Fragen zur Inklusion und zum Freien Unterricht. Dieser steht ihnen während fünf Viertelstunden Rede und Antwort. Man braucht entsprechend etwas Zeit - aber es lohnt sich. Deshalb kommt dieser Beitrag gerade zu Beginn der Herbstferien.

Montag, 24. November 2014

Lehrer sind keine Tintenfische

Kinder hätten gerne Tintenfische als Lehrer. Diese könnten gleichzeitig einer ganzen Reihe Kindern helfen. So sagte vor kurzem ein Kind seiner Handarbeitslehrerin im Sihltal. Aber ein Lehrer bräuchte mehr: neben unzähligen Armen auch ein halbes Dutzend Ohren und Augen und nicht zuletzt auch mindestens fünf Herzen. Nun könnten wir versuchen, mit der Biotechnologie solche Menschen zu züchten.

Oder etwas einfacher: am 30. November zur Klassengrösseninitiative ja stimmen. Da bleiben wir bei einherzigen und zweihändigen Lehrern, dafür wird die Klassengrösse auf eine vernünftige Grösse reduziert, damit auch normale Menschen guten Unterricht garantieren können.


Montag, 17. November 2014

Nur kleinere Klasse helfen im Moment weiter

In verschiedenen Beiträgen zur Klassengrösseninitiative habe darauf hingewiesen, dass das Schlamassel sicher zu einem Teil auch auf die Aufhebung der Kleinklassen und die Integration aller Kinder in die Regelklassen zurückzuführen ist. Müsste das so sein? Ist die Integration sämtlicher Kinder trotz hoher Belastung von Lehrern und Mitschülern zwingen? Nein.

Die Schulgemeinden könnten per Federstrich sofort wieder Kleinklassen einführen. Nur gäbe es dazu nicht mehr Lehrer. Das heisst, die normalen Schulklassen würden dann noch grösser. Ausserdem bestehen viele Eltern auf der Integration, auch wenn dies absurd ist. Ich unterrichtete in einer sechsten Klasse lernbehinderte Kinder, die auf dem Niveau eines Zweit- oder Drittklässlers waren. Trotzdem beschritten die Eltern den Rechtsweg, als die Zuteilung zur Sek C kam. Dies zeigt, in welchem Dilemma die Schulgemeinden stecken. Die Initative mit der Begrenzung der Klassengrösse bei 20 Kindern hilft, die Situation, indem wir uns im Bildungsreformwahn hineingeritten haben erträglich zu machen, bis die Situation grundlegend verbessert wird.


Montag, 10. November 2014

Klassengrösse spielt eine grosse Rolle

Die Begrenzung der Klassengrösse bringt eine spürbare Entlastung für die Lehrer. Dadurch haben sie mehr Zeit für das einzelne Kind. Zwar hat der Bildungsforscher Urs Mosers herausgefunden, dass die Klassengrösse keinen grossen Einfluss habe. Doch das war vor zwei Jahrzehnten. Damals spielte die Klassengrösse abgesehen vom Korrigieraufwand effektiv noch nicht eine so grosse Rolle.

Heute hingegen sind die Klein- und Sonderklassen fast flächendeckend aufgehoben worden. Leistungsschwache, verhaltensgestörte, behinderte, heilpädagogische Schüler oder solche, die noch richtig deutsch lernen müssen, sind nun alle in die Regelklassen integriert. Damit ist die Situation mit damals nicht mehr vergleichbar. Der Lehrerverbandes hatte ursprünglich einen flexibleren Vorschlag gemacht. Da die Bildungsdirektion darauf nicht eingetreten ist, können wir heute über die zweitbeste Lösung abstimmen: die Reduktion der Klassengrösse.


Montag, 3. November 2014

Bildungsdirektion lehnte vernünftige Entlastung der Lehrer ab

Walcheturm in Zürich,
Sitz der Bildungsdirektion
Gemäss einer Nationalfondsstudie sind die Lehrpersonen am Rande ihrer Kräfte. Der Zürcher Lehrerverband hat seine Mitglieder diesbezüglich genauer befragt, um zu wissen, wo der Schuh denn wirklich drückt. Dabei ist die Anzahl von Schülern in einer Klasse als grösstes Problem genannt worden.

Der Lehrerverband hat deshalb bereits 2013 bei der Bildungsdirektion des Kantons Zürich angeregt, Schüler mit besonderen Bedürfnissen in Bezug auf die Klassengrösse stärker zu gewichten. Dies hätte zu kleineren Klassen und zu einer Entlastung der Lehrpersonen geführt.

Leider ist der Vorschlag von den zuständigen Stellen abgelehnt worden. Um die Lehrpersonen nun endlich zu entlasten, bleibt als zweitbeste Lösung nur die Kantonale Volksinitiative: «Mehr Qualität im Unterricht dank kleinerer Klassen (Klassengrössen-Initiative)».

Montag, 27. Oktober 2014

Zu grosse Klassen überfordern Lehrer

Gestern berichtete die Sonntags-Zeitung über das belastende Klima an der Volksschule: Zeitdruck, verhaltensauffällige Schüler und komplizierte Eltern brächten in der Schweiz tausende Lehrer an den Rande eines Burn-outs. Erstmals zeigt eine schweizweite Erhebung, wie gestresst die Lehrer sind. Laut der Nationalfondsstudie der Fachhochschule Nordwestschweiz ist jeder dritte Volksschullehrer stark Burn-out-gefährdet.
Alleine auf der Oberstufe sind mehr als 10'000 Lehrer betroffen. Sie kommen auch in der Freizeit nicht mehr zur Ruhe und geben an, oft oder immer müde, schwach und krankheitsanfällig zu sein. 20 Prozent der Befragten fühlen sich «ständig überfordert» und fast ebenso viele sind mindestens einmal wöchentlich von depressiven Verstimmungen geplagt. Frauen und Teilzeitlehrer mit hohem Pensum sind am meisten gefährdet.
Präsentismus und Perfektionismus
Grund dafür ist laut Studienautorin Doris Kunz von der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz die Doppelbelastung. «Beide Gruppen sind ausserberuflich oft stark eingespannt, Frauen in der Regel mit der Kinderbetreuung», sagt sie gegenüber der «SonntagsZeitung». Keine Rolle spielt hingegen die Berufserfahrung. Auch in den verschiedenen Sprachregionen zeigen sich keine Unterschiede.
Die Ursachen für den chronischen Stress sind vielfältig. «Lehrer neigen zu Perfektionismus», sagt Barbara Zumstein, Leiterin der Beratungsstelle für Lehrpersonen in Luzern. Viele würden auch dann weiterarbeiten, wenn sie eigentlich nicht mehr können. Ein zweites Schlagwort ist laut Zumstein der «Präsentismus». «Wenn eine Lehrperson mal kurzfristig fehlt, ist gleich eine ganze Klasse von Kindern betroffen», sagt sie. Deshalb gingen Lehrer auch dann zur Arbeit, wenn sie gesundheitlich angeschlagen seien.
Reduktion auf 26 Wochenlektionen
Die vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) mitfinanzierte Studie schreckt Experten auf. Christoph Eymann, Präsident der kantonalen Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK), warnt im Interview vor den Folgen: «Viele Lehrer sind heute emotional so stark belastet, dass dies negative Auswirkungen auf den Berufsalltag und damit die Schüler hat.» 
Der Schweizer Lehrerverband (LCH) schlägt seit längerem Alarm. Laut Präsident Beat Zemp sind die Folgen der Überbelastung fatal: Ein vergiftetes Schulklima und verminderter Lernerfolg der Schüler. Er verlangt jetzt eine Beschränkung der Klassengrössen auf 22 Schüler und eine Reduktion der Wochenlektionen auf höchstens 26 pro Lehrer. «Nur so können wir den zusätzlichen Aufwand für die Betreuung mindern und Spitzenbelastungen von bis zu 55 Stunden pro Woche vermeiden.»
Im Kanton Zürich haben es die Stimmbürger im November in der Hand. Dann stimmen sie nämlich ab über die Kantonale Volksinitiative: «Mehr Qualität im Unterricht dank kleinerer Klassen (Klassengrössen-Initiative)».

Montag, 20. Oktober 2014

Klassengrösse bestimmt Integrationserfolg

Schon Erstklässler
oder noch Kindergärtler?
Es ist schon einige Jahre her, als ich in einem kleinen Dorf im Unterland unterrichtete. Bei einem Bub war nicht klar, ob er schon schulreif sei, ein typischer Fall für die Einschulungsklasse (Kleinklasse A, in der in zwei Schuljahren der Unterrichtsstoff der ersten Klasse behandelt wird). Nur, in besagtem Dorf gab es keine Kleinklassen. Sollte man nun einen knapp schulreifes Kind täglich mit dem Postauto in den nahen Bezirkshauptort schicken? Die Schulpflege entschied sich für eine integrative Lösung, bevor alle davon sprachen. In jenem Jahr gab es dreissig Erstklässler und entsprechend eine ganze Zwanzigerklasse (mit teilweisem Halbklassenunterricht) und ein halbe Abteilung mit zehn Kindern. Besagter Bub kam in die halbe erste Klasse und profitierte dadurch von "Halbklassenunterricht" während aller Lektionen. Damit wurde er nicht schneller oder schulreifer, es war mir aber möglich, ihn intensiver und besser seinen Bedürfnissen entsprechend zu betreuen. In den folgenden Schuljahren wurde aus der halben Klasse eine zweiklassige Abteilung, aber auch dann immer mit unterdurchschnittlich vielen Kindern. Dieses Beispiel zeigt, dass Integration gelingen kann, wenn dem Lehrer durch eine entsprechend kleine Klassengrösse genügend Zeit für das einzelne Kind zur Verfügung steht.

Montag, 13. Oktober 2014

Klassengrösse und Betreuungszeit

24 Kinder in der Klasse. Das gibt pro Kind weniger als zwei Minuten Zeit. Genau hundertzwölfeinhalb Sekunden. Das ist wenig. Sehr wenig. Wären es nur 18 Kinder, hätte ich immerhin statistisch gesehen zweieinhalb Minuten Zeit pro Kind. Solche Berechnungen sind natürlich Unsinn - trotzdem haben sie einen waren Kern: Je weniger Kinder in einer Klasse sind, desto mehr Zeit kann ich mich als Lehrer den einzelnen Kindern widmen. Und je mehr die Eltern, die Gesellschaft und die Politik von der Schule fordern, schwierige Kinder und Kinder, die aus dem Rahmen fallen, in die Regelklassen zu integrieren, desto mehr Zeit pro Kind braucht ein Lehrer schlussendlich. Die Klassengrösse nach einer starren Grösse zu regulieren (Kantonale Volksinitiative: «Mehr Qualität im Unterricht dank kleinerer Klassen (Klassengrössen-Initiative)») wird dem nur ungenügend gerecht, im Kanton Zürich ist dies im Moment jedoch die einzige Möglichkeit, die zur Diskussion steht. Differenziertere Vorschläge wurden von den Damen und Herren im Walcheturm (Bildungsdirektion) in Bausch und Bogen verworfen.

Montag, 15. September 2014

Gute Französisch-Lehrmittel werden ersetzt

Neulich fragte mich mein 11-jähriger Sohn am Mittagstisch: «Wie viele Guetzli darf ich zum Dessert haben? Yksi, kaksi oder kolme?» Da ich mich nicht erinnern konnte, in den vergangenen zwei Wochen irgendwelche Spezialbiscuits im kleinen Lebensmittelshop des blau-gelben Möbelgiganten eingekauft zu haben, schaute ich meinen Sohn fragend an.

«Das ist Finnisch und bedeutet një, dy, trë auf Albanisch», erklärte er mir. «Wo hast du denn das gelernt?» – «Im Französischunterricht.» – «Ach so. Und kannst du die Zahlen von 1 bis 20 auch auf Französisch?» – «Nein, nur bis 10, aber das ist nicht so wichtig, hat der Lehrer gesagt.»

Nun, wir gehören zu den Eltern, die sich zwar regelmässig erkundigen, wie es unseren Kindern in der Schule so läuft. Solange sie mit ihren Kameraden, den Lehrpersonen und den Hausaufgaben klar kommen und die Noten stimmen, halten wir uns bewusst im Hintergrund. Diese Zählerei machte mich aber dann doch ‹gwunderig›. Ich beschloss, dass Alex Capus' neuer Roman «Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer» an jenem Abend warten musste. An seine Stelle trat «Mille feuilles», zu deutsch «Crèmeschnitte», das neue Franzi-Lehrmittel für die Primarstufe.

Pierrot et Pierrette
Als «Bonne Chance»-Kind der frühen 1980er schickte ich mich an zu erfahren, wie die Kinder heutzutage im Zeitalter des Internets Französisch lernen. Schon beim ersten Durchblättern stolperte ich
über ein physikalisches Experiment, das aufzeigen soll, warum sich eine Papierblume im Wasser sanft öffnet: «Parce que l’eau pénètre par capillarité dans les petits espaces vides des fi bres du papier
et le gonfl e, alors les coins de papier pliés se détendent et s’ouvrent comme les pétales d’une fleur.»

Ich las die Erklärung ein zweites Mal und fragte mich unweigerlich, ob das ein Fünftklässler tatsächlich versteht. Vor allem aber fragte ich mich, bei welcher Gelegenheit er in den nächsten Jahren wohl erklären muss, warum Schallwellen im Wasser eine grössere Reichweite haben und warum ein Daumen über deutlich mehr Nerven verfügt und deshalb sensibler als ein Arm ist.

Über Inhalte lässt sich streiten, dachte ich leicht irritiert und blätterte weiter – in der Hoffnung, ein paar Themen zu finden, die man in alltäglichen Situationen gut gebrauchen kann. Ergebnis: Fehlanzeige. Auf x Seiten verteilt fanden sich in orangen, blauen und grünen Kästchen gut gemeinte Anweisungen, die den Lernenden helfen sollen, möglichst grosse Fortschritte zu machen. «Ich kann mein Auftreten beeinfl ussen, wenn ich im Voraus überlege, worauf ich besonders achten muss», stand da. Und weiter: «Komplexe Erklärungen kann ich auch auf Deutsch geben.» – «Ich kann Schreibgrenzen überwinden.» – «Ich bin stolz, wenn mir etwas gelingt.»

Ich schweifte ab und fand mich im Französischunterricht der 1980er Jahre wieder. Pierrot et Pierrette kamen mir in den Sinn, wie sie sich in der allerersten Lektion ausschliesslich auf Französisch unterhielten; die köstlichen Rollenspiele, die wir jeweils mit Begeisterung einstudierten, veränderten und genüsslich zum Besten gaben; die traurige Geschichte von Josette, deren Los es war, zur Zeit der Industrialisierung in einer Fabrik arbeiten zu müssen; und natürlich der 15-jährige Leduc, der mit seinem Götti zum ersten Mal Paris erkundigte.

Ich konnte mich nicht entsinnen, dass wir jemals über das Gelernte nachgedacht und eine Lernspur hinterlassen hätten. Und trotzdem konnten die meisten von uns dem konsequent auf Französisch erteilten Unterricht folgen. Wir unterhielten uns über die Geschichten von Maupassant und überlegten uns, ob wir wohl auch wie «la mère sauvage» gehandelt hätten, schauten ‹TSR la Première› und debattierten im Klassenunterricht über die Argumente der jungen Romands. Und an den Volleyballturnieren in Lausanne und Genf waren wir imstande, uns nach dem Turnier mit den Spielerinnen des gegnerischen Teams zu unterhalten: über das Spiel, über unsere Interessen und unsere letzten Ferien in der Bretagne. Die Englischfans unter uns, denen die französische Sprache schon damals etwas Spanisch vorkam, taten dies auf Englisch und erhielten erfreut Antwort – auf Englisch.

Einigermassen ernüchtert legte ich das Crèmeschnittenbuch beiseite und widmete mich wieder meinem Ingenieurstudenten, dem Pazifi sten Felix Bloch, der entgegen aller friedlicher Vorsätze zum Bombenbauer werden sollte.

Am nächsten Morgen erkundigte ich mich bei meinem Sohn, ob er wisse, warum sich eine Papierblume im Wasser sanft öffnet. «Keine Ahnung», lautete die knappe Antwort. «Aber du hast mir doch erzählt, dass ihr euch kürzlich spannende Experimente vorgestellt habt.» – «Ach die, ja klar.» – «Hast du denn gewusst, was du da erzählst?» – «Nein, und die anderen auch nicht, aber das ist ja nicht so wichtig, hat der ...» – «... Lehrer gesagt.» – «Weisst du, mit diesem Buch kann man gar nicht Französisch lernen.» – «Doch, doch, das geht schon. Es ist halt einfach anders als vor 30 Jahren. Nach der Schule wirst du eh noch einen Aufenthalt in der Romandie machen. Dann kommt das schon gut.» – «In der Romandie? Dort, wo sie Kuhkämpfe machen?» – «Kuhkämpfe?» – «Ja, schau hier, unser letztes Thema.»

Frustriert schickte ich Tim und Eric in die Schule. Eine Strategie liess mich auf dem Weg zum Büro nicht mehr los: «Ich weiss, wie ein Witz aufgebaut ist. Das hilft mir, einen Witz zu verstehen.»

Soweit ein Bericht aus dem Basellandschäftler Schulblatt. Auch nach 3 Jahren ist das Französischlehrmittel Milles Feuilles höchst umstritten. Nun fühlt sich auch der Lehrmittelverlag Zürich bemüssigt, das beliebte Werk Envol zu ersetzen. Der Bericht zeigt jedoch noch eine zweite Misère: Der Lehrer, dem es nicht passt und dies bei jeder Gelegenheit den Kindern auch sagt. Ein guter, motivierter Lehrer kann auch mit einem schlechten Lehrmittel gut unterrichten. 

Doch je mehr Kinder in eine Klasse gestopft werden, je mehr administrativer Kram, je mehr Koordination, je mehr Sitzungen, je mehr Reformen aufgegleist werden, desto mehr werden nur noch Stunden gehalten. Am beliebtesten werden dann Bücher, die man einfach Seite für Seite von vorne nach hinten durcharbeiten kann. Das darf es nicht sein.

Staatspolitisch brauchen wir begeisterte Französischlehrer, denn nur ihnen kann es gelingen, dass in unseren Schulstuben wieder lieber eine zweite Landessprache gelernt wird.

Montag, 17. März 2014

Freiräume schaffen

Mauern einreissen - das tat Schulleiterin Enja Riegel 1986 im wahrsten Sinn des Wortes. Sie reduzierte die Klassenstärken auf 25 Schüler, die Jahrgänge auf vier Klassen. Einige der dadurch ungenutzten Klassenräume riss sie mit Unterstützung des Kollegiums ab, um große Lernzonen zu schaffen, in denen die Schüler freie Arbeiten selbständig durchführen konnten. Die Schule sollte ausdrücklich ein „Lebensraum“ für Schüler und Lehrer werden.

In Projektwochen nach der Einschulung richten sich neue Klassen selber ein und gestalten Tische und Stühle selbst. Auf Selbständigkeit wird sehr großer Wert gelegt. Aber auch die traditionelle Form des Frontalunterrichts wurde verändert. In jedem Schuljahr finden mehrwöchige Projekte statt, die dann, eng verzahnt mit dem konventionellen Fachunterricht, fächerübergreifend über eine bestimmte Zeit durchgeführt werden. Sie sollen ein ganzheitliches Verstehen fördern und enden in der Regel mit einer Präsentation. Darüber hinaus prägen Feste, Feiern, Schultheater, Veranstaltungen vor der Schulöffentlichkeit, aber auch gemeinsame Reisen und Projekte das Schulleben.

Die Schule ist Mitglied im Schulverbund 'Blick über den Zaun'.

Montag, 20. Januar 2014

Lernen geht anders

Schulen mit altersgemischten, kleinen Klassen sowie individualisierter Unterricht, in dem die Lehrer eine Beziehung zu jedem Kind aufbauen können. So muss eine Schule sein. Das ist das Resultat der Langzeitstudien des Kinderarztes Remo Largo.



Buchbesprechung
Seit 20 Jahren sind die Bücher des ehemaligen Kinderarztes Remo Largo Pflichtlektüre vieler Eltern. "Babyjahre", "Kinderjahre" und "Schülerjahre" wurden über eine Million Mal verkauft und skizzieren die Grundzüge einer Pädagogik, die "Bildung und Erziehung vom Kind her" denkt. Largos Forderungen und Thesen sind nach wie vor aktuell. In "Lernen geht anders" bringt er sie noch einmal kurz und prägnant auf den Punkt.

Im Zentrum sämtlicher Überlegungen Largos steht die kindliche Entwicklung. Sie allein müsse der Orientierungspunkt von Erziehung und Bildung sein und nicht etwa die Wünsche und Ängste von Eltern und Lehrern oder der Zwang von Lehrplänen und Schulsystemen. Folgerichtig legt Largo im ersten Teil seines Buches zunächst dar, wie die kindliche Entwicklung abläuft, und welche Rahmenbedingungen sie braucht.

Eine liebevolle, vertrauensvolle und fürsorgliche Beziehung zu den Eltern oder Bezugspersonen vorausgesetzt, lerne jedes Kind gerne. Seine angeborene Neugierde lasse ihm gar keine andere Wahl und die bevorzugte Methode sei die der Nachahmung. Allerdings entwickelten sich Kinder in unterschiedlichem Tempo und variierten in ihren Entwicklungsstufen bis zu drei Jahren (bei gleichem Alter!).

Für Largo besteht die Kunst der Erziehung zu einem großen Teil darin, das "Kind zu lesen", seine Einzigartigkeit, seine Talente und eben auch seinen jeweiligen Reifegrad zu erkennen. "Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht", ist ein Lieblingssatz Largos, mit dem er dafür plädiert, der natürlichen Entwicklung ihren Lauf zu lassen.

Wer, wie fast alle Fünfjährigen, die unglaubliche Leistung etwa des Laufenlernens und des Spracherwerbs vollbracht habe, dem dürfe man ruhig vertrauen, dass er auch weiter lernen wolle und könne - allerdings im eigenen Rhythmus. Der Schulalltag jedoch sieht anders aus: Lesen lernen steht im Alter von sechs Jahren auf dem Lehrplan - ungeachtet dessen, wie weit das einzelne Kind tatsächlich ist. Wenn aber noch die Reife zum Thema fehle, müsse man mit Mühe oder gar Zwang vermitteln, was zu anderer Zeit leicht, zumindest leichter, gelernt werden könne.

Für eine kindgerechte Schule fordert Largo im zweiten Teil des Buches nicht weniger als eine "kleine pädagogische Revolution": Ganztags-Gesamtschulen mit altersgemischten, kleinen (!) Klassen, individualisiertem Unterricht und individualisierten Lernzielen. Vorrangig sei, dass der Lehrer eine Beziehung zu jedem Kind aufbaue. "Beziehung geht vor Erziehung" - diesen Merksatz der Reformpädagogik wiederholt Largo unermüdlich. Dafür müsse man den Lehrern mehr Zeit einräumen, gerne auf Kosten alten Bildungsballastes, denn nicht nur die Lernprozesse müssten überdacht werden, sondern auch der zu vermittelnde Stoff.

Largo verlangt viel, aber er argumentiert aus einer ernst zu nehmenden Position heraus. Seine Forderungen resultieren aus jahrzehntelanger Forschung - in Langzeitstudien hat er über 800 Kinder von der Geburt bis ins Erwachsenenalter verfolgt -, und er versteht sie schlüssig und nachvollziehbar zu entwickeln. Man sollte sie lesen.
Besprochen von Eva Hepper
Remo H. Largo: Lernen geht anders
Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2010
190 Seiten

Montag, 21. Oktober 2013

Die beste Sitzordnung in der Schule

U und Notfall-U (Labrig)
Nicht jede Sitzordnung hält, was sie verspricht. Vor kurzem diskutierte ich mit einer Kollegin über die Sitzordnung in ihrer Klasse. Hatte ich richtig argumentiert? Zu Hause suchte ich im Internet; die beste Literatur hingegen[1] stand im Büchergestell.

Richtigerweise stellt Herr Labrig fest, dass das häufig verwendete U oft nur eine kosmetische Variante des klassischen Frontalunterrichts ist. Wenn dann aus Platzgründen noch Schulbänke ins U hineingestellt werden, entsteht so ein sogenanntes Notfall-U. Dann ist es mit dem theoretischen Sichtkontakt zwischen den Schulkindern sowieso zu Ende. Ich frage mich aber auch beim reinen U, was dieser Kontakt bringt, da die Distanz für die meisten Diskussionen zu gross ist.

Viereck (Labrig)
Auch wenn die frontale Stuhlung als altmodisch gilt: Wer viel frontal unterrichtet, soll dazu stehen und entsprechend stuhlen und nicht eine pro forma moderne Bankordnung wählen (siehe auch weiter unten). Oder wenn einem am Sichtkontakt jedens mit jedem wirklich etwas liegt, man vielleicht oft Diskussionen oder Lehrgespräche mit der ganzen Klasse führt, kann das U ganz einfach zum Viereck geschlossen werden. Dies ist, was Herrn Labrigs Schüler vorgeschlagen haben. Insbesondere wenn des Lehrers Platz irgendwo ist, auf der Seite oder hinten aus klassisch-frontaler Sicht, ist dies sicher keine verdeckte Frontalordnung mehr. Sie haben erkannt, dass so die Klasse als Klasse viel stärker zum tragen kommt und der Lehrer einer unter vielen, primus inter pares ist; die Überlegungen jedoch zwischen allen hin und her gehen und nicht nur zwischen einem Kind und dem Lehrer; Sicht- und Lernbeziehungen entstehenn können.

Frontal (Gasser)
Eine interessante Variante des U habe ich kürzlich in einem Schulzimmer entdeckt: Die Kinder sitzen auf der Innenseite des U mit Sicht gegen die Wand oder das Fenster. Der Kollege sieht manche Vorteile. Unter anderem die geringere Ablenkung bei Stillarbeit. Da die Stühle der Kinder drehbar sind, kann innert Sekunden ein Fastkreis im Innern des U gebildet werden. Auch wenn er etwas an der Tafel erklärt, drehen sich die Kinder mit dem Stuhl, was auch den Vorteil hat, dass wer noch etwas malen will, dies hinter dem Rücken tun muss ;-)

Gruppentische (Gasser)
Gruppentische eignen sich vor allem dann, wenn in der Klasse hauptsächlich in Gruppen- und Partnerarbeit gearbeitet wird. Folglich müssen am gleichen Tisch die Kinder der jeweiligen Lerngruppe zusammensitzen. Das Lernen wird bei diesen Arbeitsformen mit Arbeitsaufträgen ausgelöst und auch weitgehend gesteuert.[1] Der Lehrer steht nicht an der Tafel, sondern er ist Beobachter, Berater und aktiver Zuhörer. Ausserdem ist er dafür veranwortlich, wie Aussenseiter in die Gruppe integriert werden und überlegt sich bereits, ob die Resultate auf Plakaten präsentiert werden, mit Gruppenmischung oder an einem Infomarkt.

Noch viel stärker durch die Unterrichtsform geprägt ist die Sitzordnung beim Werkstattunterricht. Eine sehr schöne Darstellung dazu aus Achermann: Die einzelnen Ecken sind für die Arbeit mit einer jeweiligen Methode eingerichtet. An anderen Orten ist Material im Überangebot vorhanden, damit immer alle etwas zum Arbeiten vorfinden und die Kinder zu autonomen und selbstbestimmten Lernen stimuliert werden. Kein Schulzimmer lässt sich so einrichten; eine solche Einrichtung wächst im Laufe der Zeit. Auch hier ist die freie Sicht auf die Wandtafel sekundär, respektive nur von bestimmten Stellen im Raum nötig und möglich. Der Lehrer ist im Gegensatz zum Frontalunterricht nicht Dozent, sondern Anreger, Berater und Organisator.

Unabhängig von der Sitzordnung findet Unterricht bei Lehrausgängen statt. Lernen in ausserschulischen Situationen. Da schreibt einer auf seinem Knie, der andere auf seines Kameraden Rücken; Randsteine eignen sich als Sitzbänke und Kieswege als Wandtafel...

Wochenplan (Gasser)
Die letzte Illustration stammt noch einmal aus Gasser. Er hat sie verwendet, um zu illustrieren, wie sich die Ordnung in einem Klassenzimmer entwickeln kann, wenn mit Wochenplänen gearbeitet wird. Dieses Bild erinnert mich in manchem an das schönste Schulzimmer meines Lebens. Vorne links standen ganz eng Bänke frontal. Vorne war Platz für einen Kreis und in der rechten Hälfte waren zwei Gruppentische. Hinter der Frontalstuhlung bildeten ein Gestell und zwei einzelne Bänke eine Leseecke, wobei im Gestell und auf dem breiten Fenstersims je ein Rechner stand. Der dritte war (am Treppengeländer angekettet) im Treppenhaus vor dem Schulzimmer - das war zu Zeiten bevor die Feuerpolizei auch ausserhalb der Fluchtwege rigoros alles wegräumen liess. Ganz so konfortabel lässt sich dies nur einrichten in einem Schulhaus aus dem 19. Jahrhundert, das noch für Klassen mit 80 Kindern gebaut worden ist oder aber wenn man in einem Jahr eine ziemlich kleine Klasse hat, wie im obigen Beispiel mit 16 Kindern.

Gasser führt noch fünf weitere Varianten auf, doch das wesentliche wurde gezeigt: Die Methode und die eingesetzten Werkzeuge führen dazu, wie in einem Schulzimmer gesessen, gearbeitet wird. Daneben gibt es auch disziplinarische Überlegungen, wobei eine Wechselwirkung entsteht.

Nicht einmal ob die Kleinen nach vorn gehören, lässt sich allgemein sagen (hier irrt Focus) - nur dass Linkshänder mit der Schreibhand nach von Vorteil nach aussen sitzen. Ob ein guter Schüler einem schlechten weiterhelfen kann oder will oder soll; ob sich ein nervöses Kind durch einen ruhigen Nachbarn stiller wird, das alles lässt sich nur ausprobieren. Dabei geht es aber wie oben gezeigt in erster Linie nicht, wie Caspar Mellwig meint, um eine freundliche Atmosphäre, sondern schlicht darum, den Raum so einzurichten, dass Kinder und Lehrer gerne zur Schule kommen und dort in einer anregenden Umgebung effizient lernen können. Das letzte Wort hat zumindest formell der Lehrer, auch wenn er je nach Alter der Kinder und angewandter Unterichtsmethode diese je nach dem auch einbeziehen wird. Aussen vor bleiben hingegen die Eltern, wie die F.A.Z. richtig schreibt und auch richtigerweise darauf hinweist, dass eine Konstanz durchaus viel zu Ruhe und Lernatmosphäre beitragen kann. Ständige Rotation hingegen verursacht in erster Linie Wirbel.

[1] Gasser, Peter: Didaktische Impulse. Gerlafingen, 1992: Eigenverlag. (vergriffen)