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Montag, 17. August 2020

Gelbe Fibel für flinke Leser

Er gibt sich sehr abgeklärt: Andere hätten ein bisschen Angst vor der Schule, aber er habe Frau B... (die Lehrerin) schon einmal gesehen und er wisse, wo das Schulzimmer sei: Im hinteren Schulhaus im oberen Stock... Ausserdem hat sich der selbstbewusste Kindergärtler über die Ferien das Lesen selber beigebracht mit den Wörtern, die sich gerade angedient haben: Ortsnamen von den Wanderwegweisern in den Bergen und von den Endzielanzeigen der Postautos (Linienbusse v.a. im ländlichen Gebiet in der Schweiz). Da muss man schnell sein und manche Wörter beginnen mit dem gleichen Buchstaben. 

Nicht immer steht das Postauto so schön still. 
Oft ist es in Bewegung. Da muss man
die Destination schnell erfassen.

Auch die analoge Zeit mit Punkt und halb war so ein autodidaktisches Projekt, nachdem er im Kindergarten die Zahlen bis 12 kennengelernt hatte. Zu Hause haben die Eltern explizit schulische Themen weggelassen - ausser er hat konkret gefragt: Was ist das für ein Buchstabe/Kantonswappen (auf der Autonummer)/etc. 

Nur in einem Punkt hat sein Vater insistiert, dass er seinen Namen in der üblichen Gross-Klein-Schreibung schreibt. Das hatte er sich Schritt für Schritt erfragt, wurde dann jedoch im Kindergarten (in der Schweiz ist das von 4-6) zurückgebunden, es sei einfacher, alles in MAJUSKELN zu schreiben und man könne (wolle?) das nicht bei jedem Kind je nach Vorwissen anders handhaben.

Das hat mir wieder einmal gezeigt, wie Geschichten helfen. Im Kindergarten musste er einfach ab Vorlage kopieren, was in diesem Alter noch ziemlich abstrakt und entsprechend fehleranfällig ist. Ergo waren oft auch einige Buchstaben gespiegelt. In der Gross-Klein-Schreibung hielt er sich an eine selber erfundene Geschichte: 1 Gipfeli (Croissant), 1 Kreislein, 1 Kleiderhaken, 1 Böglein, 1 Schnecke, 1 Männchen mit einem Köpfchen, 2 Striche, 1 Schnecke. Diese bildhaften Umschreibungen der Buchstaben, die haben natürlich alle einen Namen. Der Kleiderhaken etwa heisst Rrrr.

Bei der Post gibt es übrigens neben den bekannten Unterrichtsmodulen zum Thema "Post" auch ein schönes und sehr altersgerechtes Bilderbuch für die Schulanfänger: Theo und Mia unterwegs - natürlich mit dem gelben Postauto!

Montag, 12. Januar 2015

Auch virtuelle Schulbücher unterwerfen Kinder und Lehrer

Nochmals Schulbücher: In Zukunft sind Schulbücher interaktiv. Das scheint unbestritten. Und wenn alle Schulbücher von der Fibel in der ersten Primarklasse bis zu den Vorlesungsskripten an der Universität in einem iPad drin sind, hat das auch logistische und gesundheitliche Vorteile: es gibt weniger Gewicht herumzutragen.

Der kalifornischen Firma Apple schwebt vor, dass jeder Schüler oder Student nur noch ein Tablet-Gerät (natürlich aus Cupertino) bei sich hat. Die Lerninhalte können interaktiv erarbeitet werden, sind immer aktuell und sind dank Anschluss ans Netz immer aktuell. Wie das im Detail aussehen könnte, darüber hat der Infwiss-Blog bereits vor drei Jahren berichtet: Apple revolutioniert das Schulbuch.

Technisch mag das ausgefeilt sein, wie so manches von dieser kalifornischen Firma. Inhaltlich, das heisst von pädagogischen Standpunkt aus, ändert das an der Kritik Freinets überhaupt nichts: Ob man sich einem reellen oder einem virtuellen Diktat unterwirft, bleibt das selbe.

Montag, 5. Januar 2015

Schule ohne Schulbücher!

Zum Neujahr nochmals der gleiche Beitrag, wie zu Silvester? Nicht ganz; das Satzzeichen macht den Unterschied und dreht den Inhalts ins Gegenteil. Nachdem ich den Beitrag bereits veröffentlicht hatte, erinnerte ich mich an den französischen Reformpädagogen Célestin Freinet, der den Schulbüchern äusserst skeptisch gegenüberstand.

Schulbücher verdummen die Kinder
"Schulbücher sind ein Instrument der Verdummung. Sie dienen lediglich den offiziellen Lehrplänen - und auch das manchmal sehr schlecht. ... Schulbücher dienen also de facto in erster Linie der Unterwerfung des Kindes unter den Erwachsenen und noch genauer, unter die gesellschaftliche Klasse, die durch Lehrpläne und Finanzen das Unterrichtswesen beherrscht. ...

Selbst wenn die Schulbücher gut wären, wäre es am besten, sie so wenig wie möglich zu benutzen. ... Das Buch ist dann eine Welt für sich, fast etwas Göttliches, dessen Behauptungen man kaum noch in Frage stellt. ... So töten die Schulbücher jede Kritikfähigkeit; und wahrscheinlich verdanken wir ihnen diese Generationen von Halbgebildeten, die jedes einzelne Wort glauben, das in der Zeitung steht."

Schulbücher verdummen die Lehrer
"Aber die Schulbücher unterwerfen auch die Lehrer. Sie gewöhnen sie daran, das immer gleiche Wissen auf immer gleiche Art weiterzugeben, ohne sich darum zu kümmern, ob das Kind es aufnehmen kann. ... Es ist unbedingt notwendig, daß die Lehrer sich von dieser mechanischen Vermittlung freimachen, um sich der Erziehung des Kindes zu widmen. "

zitiert aus: Célestin Freinet: Schluß mit den Schulbüchern, zi.tiert nach: Hering/Hövel: Immer noch der Zeit voraus, 1976, S.117ff

Montag, 29. Dezember 2014

Schule ohne Schulbücher?

Herr Larbig ist auf ein Interview mit dem Zukunftsforscher Jeremy Rifkin gestoßen. Dieser vertritt die These, dass wir den größten wirtschaftlichen und damit auch gesellschaftlich relevanten Umbruch seit Beginn des Kapitalismus erleben. Während der Lektüre erinnerte sich Herr Labrig dann an eine Tagung, bei der es um die Zukunft der Schulbücher ging. Beides inspirierten ihn zu einem interessanten Beitrag.

Es liegt in der Sache, dass Schulbuchverleger am Schulbuch hängen. Aber seit wann hängt denn die Schule vom Schulbuch ab? Während Jahrhunderten gab es wohl Schulen, aber noch keine erschwinglichen Bücher.