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Montag, 1. März 2021

Präsenzunterricht an Primarschulen darf nicht verboten werden

Foto: Ennio Leanza / NZZ
Präsenzunterricht an Primarschulen darf nicht verboten werden. Diese klare Aussage machte Anfang Februar Prof. Andreas Glaser, der an der Universität Zürich Staats-, Verwaltungs- und Europarecht lehrt.

Glaser schreibt: "Das im März 2020 von der Regierung angeordnete und nach der Aufhebung im April 2020 von vielen Seiten wiederholt geforderte Verbot von Präsenzunterricht an sämtlichen Schulen ist verfassungswidrig. Es verstösst gegen den grundrechtlichen Anspruch jedes Kindes auf ausreichenden und unentgeltlichen Grundschulunterricht (Art. 19 BV). Denn ein solches Verbot erfasst flächendeckend gesamtschweizerisch den Unterricht der obligatorischen Schule auf der Primarstufe und der Sekundarstufe I. 

Anspruch auf Primarschulunterricht

Der von den Lehrpersonen häufig mithilfe elektronischer Informationstechnik unterstützte Fernunterricht der Kinder an deren privatem Aufenthaltsort ist nicht ausreichend im Sinne der Verfassungsbestimmung. Wie das Bundesgericht in ständiger Rechtsprechung urteilt, muss der Grundschulunterricht «die Schüler sachgerecht auf ein selbstverantwortliches Leben im modernen Alltag vorbereiten». Mit Blick auf den vor der Pandemie noch verbrämten Fernunterricht hielt das Bundesgericht fest, dass ein ausreichender Primarschulunterricht nicht nur schulisches Wissen vermitteln, sondern entwicklungsspezifisch auch die Fähigkeit zum Zusammenleben in der Gesellschaft fördern muss. 

Der Anspruch auf Primarschulunterricht wird daher verletzt, wenn dem Kind nicht die Fähigkeiten vermittelt werden, die ihm erlauben, an der Gesellschaft und am demokratischen Gemeinwesen teilzuhaben. Ausserdem dient der obligatorische Schulbesuch laut Bundesgericht der Wahrung der Chancengleichheit aller Kinder und fördert die Integration. Durch Fernunterricht kann jedoch gerade die Integration der Kinder geschmälert werden. Verschiedene neue Studien vonseiten der Erziehungswissenschaft im Zusammenhang mit dem Fernunterricht während der Pandemie bestätigen diesen Befund. Fernunterricht für bestimmte Klassen oder auch Schulhäuser während des begrenzten Zeitraums einer Quarantäne lässt sich im öffentlichen Interesse der Pandemiebekämpfung rechtfertigen. Auch Massnahmen, die im Vergleich zu Fernunterricht milder sind, wie die Aussetzung des Schwimmunterrichts oder die Pflicht zum Maskentragen, lassen sich bei hinreichend belegter Gefahr und Wirksamkeit der Massnahmen unter Umständen rechtfertigen. Das Verbot von Präsenzunterricht auf dem gesamten Kantonsgebiet oder gar schweizweit erweist sich dagegen in jedem Fall als nicht erforderliche Einschränkung des Anspruchs auf Primarschulunterricht. 

Arsenal der Epidemiologie 

Dies gilt umso mehr, als Kinder und Jugendliche gemäss Verfassung Anspruch auf besonderen Schutz ihrer Unversehrtheit und auf Förderung ihrer Entwicklung haben. Solange andere Massnahmen, die im Arsenal der Epidemiologie noch vorgeschlagen werden, nicht ergriffen wurden, beispielsweise die Schliessung von Skigebieten oder die Testpflicht bei der Einreise in die Schweiz, verbietet sich die Einschränkung des verfassungsrechtlich geschützten Präsenzunterrichts in der obligatorischen Schule ohnehin. Landesregierung und Kantonsregierungen setzen den Anspruch auf unentgeltlichen Primarschulunterricht in der zweiten Welle der Covid-19-Pandemie bis jetzt zwar konsequent durch, massgebliche Gründe wurden bisher aber nicht genannt. Sollte die Forderung nach Schulschliessungen lauter werden, können sich Bundesrat und Kantonsregierungen in ihrer Entgegnung ausdrücklich auf die Verfassung berufen: Art. 19 der Bundesverfassung verbietet die kantons- oder schweizweite Umstellung auf Fernunterricht in der Primarschule und auf der Sekundarstufe I."

Andreas Glaser ist Professor für Staats-, Verwaltungs- und Europarecht an der Universität Zürich und Direktoriumsmitglied des Zentrums für Demokratie Aarau (ZDA).

Montag, 25. Januar 2021

Ein Kinderbuch für Eltern

Der bekannte Schweizer Pädagoge und Philosoph Marcel Müller-Wieland (1922-2015) strebte nach einer individualisierenden Vertiefung erzieherischer Kräfte, gemeinschaftsbildender Pädagogik und Entfaltungsmöglichkeiten. Dabei zielte auf die Erneuerung der Bildung in Familie, Schule und Gesellschaft.Neben einer ganzen Reihe an Fachliteratur schrieb er auch ein "Kinderbuch für Eltern". Es richtet sich ebenso an Kinder von neun bis zwölf Jahren, wie auch an ihre Eltern und Lehrer.

Im Laufe dieses Jugendromans Lukas und Sina, helfen Kinder, eine neue Schule zu entwickeln, eine Vision, die von jedem einzelnen Kind ausgeht, welche das Kind wirklich in den Mittelpunkt stellt. Das tönt etwas floskelhaft, Müller-Wieland ist das aber wirklich gelungen und manche Szene hält auch uns einen Spiegel vor oder öffnet uns die Augen.

Eine Schule, wie sie Müller-Wieland vorschwebt, gibt es heute nicht. Es ist eine Schule, welche den Kindern dienen soll. Das braucht von uns Lehrern dann und wann auch Mut, dann, wenn wir es merken, nicht das zu tun was man von uns erwartet, sondern das, was richtig ist. Ein Beginn könnte sein, das Buch in der Klasse vorzulesen und jeweils nach einem Kapitel mit den Kindern ganz offen darüber zu reden. Das braucht etwas Mut, da man nicht weiss, was die Kinder sagen werden. Wenn der Ansatz ist, nach vorne zu schauen und die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen, würde ich es wagen.

Marcel Müller-Wieland: Lukas und Sina : Ein Kinderbuch für Eltern. Norderstedt, 2010: BOD. ISBN 9783842339835 (gedruckt oder E-Buch für Kindle)

Montag, 28. August 2017

Klassenregeln oder Lehrerregeln?

Bald beginnt wieder ein neues Schuljahr (- oder es hat schon begonnen). Da lohnt es sich vielleicht im Vorfeld, diesen kleinen Film aus der Waldschule anzuschauen. Spannend ist: Da werden zuerst nicht Kinderregeln eingeführt, sondern Lehrerregeln!



Und dann werden gar nicht alle Regeln eingeführt, sondern eine gemeinsam getroffene Auswahl. Diese wiederum werden systematisch eintrainiert. Unglaublich, aber das will ich im August auch ausprobieren.

Als weiterführende Lektüre empfiehlt der Film Die Klassenregeln von Christoph Eichhorn.

Montag, 1. Mai 2017

Machtkämpfe ade: Mit Vertrauen erziehen

Kinder gehorchen, weil sie ihre Eltern oder Lehrer mögen und die Hierarchie kennen. Dies besagt die Vertrauenspädagogik. Ihr Begründer,  Heinz Etter, Heilpädagoge, Vater und ehemaliger Leiter eines Sonderschulheims, ist überzeugt, dass es möglich ist, aus dem Kreislauf von Machtkämpfen und Misstrauen auszusteigen.



In diesem Gespräch zeigt Hans Etter, dass Verhalten weniger eine Sache des Charakters, sondern vielmehr der Beziehung ist. Kinder sind so geschaffen, dass sie sich einer fürsorglichen Vertrauensperson gerne anschliessen, solange sie sich angenommen, geachtet und geliebt fühlen. Das Verhalten von Kindern wird nicht von Anreizen bestimmt, sondern folgt der Beziehung. Was das konkret heisst, erklärt Heinz Etter in diesem Film.

Am 6. September 2017 gibt es einen Erfahrungsaustausch für Lehrer mit Heinz Etter über Skype. Das Angebot ist gratis, es jedoch eine Anmeldung nötig.

Literatur: Heinz Etter: Erziehen im Vertrauen: Das Join-up-Konzept.

Montag, 27. Februar 2017

Kinder- und Jugendbücher zu Krieg und Flucht

(DW)
Die grosse Flüchtlingswelle ist vorbei.Aber zu hunderten, zu tausenden sind sie nun hier, und auch ohne Welle kommen Tag für Tag weitere Migranten zu uns in den Westen und den Norden. Weshalb? Warum? Manchmal ist es einfacher, komplexe Inhalte über eine Geschichte zu transortieren. Eine persönliche Auswahl.

Mehr zum Thema Flüchtlinge in der Schule (ältere Beiträge):
Mit Kindern über Flüchtlinge reden.
Wie man über Flüchtlinge reden kann.
Weshalb man über Flüchtlinge reden muss.

Montag, 27. Juni 2016

Ersetzen Tabletts bald die Lehrer?

Brauchen dank Tablett keinen Lehrer mehr?
Die deutsche Bertelsmann-Stiftung ist überzeugt, dass Lehrer, die wie weiland Aristoteles mit seinen Schülern im Kreise zusammensitzen und philosophieren, passé seien. Solche Schule, apostrophiert mit Negativbegriffen wie «Frontalunterricht», gilt als antiquiert, unfair, ineffizient, teuer und langweilig. Vor allem aber kann diese Art von Schule die Bildung der Massen nicht meistern. Wie die schöne neue Schule aussehen könnte, zeigt ein lesenswerter Kommentar von Claudia Wirz in der Serie «Chancen der Digitalisierung» der Neuen Zürcher Zeitung.

Dabei werden wichtige und richtige Fragen aufgeworfen wie: Reicht für die Bildung von morgen die Beziehung zu einem Computer? Und wird die Schule dadurch sogar besser? Wirz hält korrekterweise fest, dass Schule von alters her Beziehungsarbeit sei, die je nach Konstellation mal mehr, mal weniger gelänge - auch wenn man diesen Aspekt im ausführlichen Artikel durchaus noch etwas vertiefen hätte können. Ebenso wie Hinweise auf die Auswirkung digitalen Lernens auf unser Hirn, wie sie etwas Manfred Spitzer und andere sehr wohl geben. Richtig eingesetzt sind die digitalen Medien sicher ein Segen. Das humanistische Ideal einer guten Bildung für alle wird damit käumlich Realität.

Oft bleibt gerade beim digitalen Lernen bleiben das Frontale und das Autoritäre erhalten - Frontalunterricht in einer «coolen» Form quasi. Gerade der funktionale Ansatz, der mit dem neuen Lehrplan 21, der dem kompetenzorientierten Unterricht verschrieben ist, auf die Schule zukommt, besteht die Gefahr, dass die Bildung der Zweckmäßigkeit unterordnet wird. Das ist das Gegenteil humanistischer Bildung, die ein harmonisches Ganzes anstrebt, das das Emotionale einbezieht, mit dem Ziel, dem Menschen die Ermächtigung zum Selberdenken zu geben. Nur das mache den Wissensträger mündig und unabhängig, schreibt Wirz, für die Erziehung zur Selbständigkeit brauche es immer noch den analogen sozialen Verbund.

Mehr zur Wechselwirkung Digitales Lernen - menschliches Hirn

Montag, 2. Mai 2016

Lumina und Pangolin im Land der Krokodile

Erst als ich die kleine Serie über Neuerscheinungen zum Themenbereich Flucht abgeschlossen hatte, kam mir ein Buch in den Sinn, das ich vor knapp zwanzig Jahren gekauft habe, an seiner Zeitlosigkeit und Aktualität nichts eingebüßt hat: «Lumina und Pangolin im Land der Krokodile». Es ist ein Bilderbuch, basierend auf dem Roman Le crocodile ne dévore pas le pangolin.

Anne-Lise Thurler hat die Geschichte aus dem eigenen Roman extrahiert, Suzanne Auer vom Schweizerischen Flüchtlingshifswerk das ursprünglich unter dem Titel L'enfant et le pangolin au pays des crocodiles erschienene Kinderbuch ins Deutsche übertragen und Maté Mermoud die aussagekräftigen Illustrationen gemalt.

«Lumina und Pangolin im Land der Krokodile» ist eine moderne, symbolreiche Geschichte, die Kindern das Thema von Flucht, ihren Ursachen und von Asyl
und Freundschaft nahe bringt. Nur wer den Roman gelesen hat, weiß, dass die Geschichte in Zaire spielt und das dicke Krokodil Mobutu darstellt. Während das Land von den Karten verschwunden und der Diktator gestorben ist, bleibt die Geschichte weiterhin aktuell und hat uns und den Kindern viel zu sagen.

artlink.ch
Anders als im realen Leben siegen am Ende Freundschaft und Menschlichkeit, und alle entdecken das Leben ganz neu. Dazu trägt auch die didaktische Beilage von Elisabeth Zurbriggen bei, die sich an acht- bis elfjährige Kinder (im Schulunterricht) wendet. Dank der CD kann die Geschichte auch gehört werden, wahlweise auf deutsch oder alemannisch (schweizerdeutsch).

Das Buch ist zwar vergriffen, es lässt sich jedoch in einer Bibiothek ausleihen, oder antiquarisch beschaffen.

Anne-Lise Thurler ; Maté Mermoud: Lumina und Pangolin im Land der Krokodile. Lausanne : Loisirs et Pédagogie, 1998. 47 p ; 1 CD-ROM (Deutsch-Schwytzerdütsch); 1 Dossier/Arbeitsunterlagen 


weitere Artikel zum Thema Flüchtlinge im Unterricht:
- Mit Kindern über Flüchtlinge reden (4. April)
- Wie man über Flüchtlinge reden kann (18. April)
- Weshalb man in der Schule über Flüchtlinge reden muss (25. April)

Montag, 25. April 2016

Weshalb man über Flüchtlinge in der Schule reden muss

Komplexes Thema, kindgerecht erzählt
aus «Bestimmt wird alles gut» (Klett).
Bei Gesprächen, Geschichten und Spielen zu unangenehmen Themen, wie etwa der Tod oder eben Flüchtlinge, nicht darum, den Kindern Angst zu machen oder gar ein schlechtes Gewissen. Vielmehr geht es um Aufklärung. Den Kindern von Unrecht, Missständen und dem Leid anderer zu erzählen, bedingt aber auch, ihnen die Möglichkeit zu geben, zu handeln. Andernfalls ist es für sie schwer auszuhalten. Hilflosigkeit zermürbt ja auch uns Erwachsene und treibt uns in die Verzweiflung, den Zynismus oder die Gleichgültigkeit, welche dann zu genau solch unsäglichen Situationen führen, in denen man Kindern verbietet zu reden.

Darum gehört es dazu, nicht nur mit den Kindern das Thema anzugehen, entsprechende Bücher, Geschichten zu lesen, zu besprechen, sondern den Kindern auch zu zeigen und vorzuleben, dass man durchaus etwas Kleines beisteuern kann. Wenn Kinder etwas selber Gebackenes verkaufen und den Erlös an ein Hilfswerk spenden, wird damit aktuell kaum Elend verhindert. Aber im Sinne der politischen Bildung ist es das mehr als Wert. Unsere Kinder sind die Politiker, Verkäufer, Wähler, Lehrer, Ärzte und Eltern von morgen.

Zu den Büchern der letzten Wochen sind mir noch folgende Unterlagen in die Hände gefallen:

weitere Artikel zum Thema Flüchtlinge im Unterricht:
- Mit Kindern über Flüchtlinge reden (4. April)
- Wie man über Flüchtlinge reden kann (18. April)
- Lumina und Pangolin im Land der Krokodile (2.Mai)

Montag, 18. April 2016

Wie man über Flüchtlinge reden kann

Es geht nicht mehr darum, ob man die Flüchtlingskrise in der Schule oder dem Kindergarten thematisiert, sondern höchstens noch darum, wie. Das ist in der Tat schwierig, weil man weit vorausdenken muss und unserer Generation schlicht die Erfahrung fehlt.

Andrea Fischer Schulthess schrieb vor rund einem Monat im Tages-Anzeiger dazu: Alles, was man einem Kind erzählt hat, kann man ja nicht wieder aus ihm herausnehmen. Es ist da drin und beginnt dort ein Eigenleben zu führen. Wer das Bild von Aylan noch im Kopf hat und die Bilder der Zäune in Idomeni oder von Athens Strassen, weiss, was ich meine.

Darum ist es wichtig, Kindern solche Bilder nicht einfach krud vorzusetzen, auch nicht im Gutgemeinten. Doch mit behutsam gewählten, einfachen und dosierten Worten können sie meiner Überzeugung nach an praktisch alles herangeführt werden. Je nach Kind in unterschiedlicher Form. Das bedingt, dass man genau beobachtet, wie es reagiert, und ihm zuhört.

Auch die Kleineren haben schon das Werkzeug und die Erfahrung, sich einzufühlen und auf ihre Art zu verstehen. Irgendwo hinkommen, wo man die Regeln nicht versteht, wo man nicht versteht und nicht verstanden wird, nicht dazugehören, Angst und der Verlust von etwas Geliebtem – im Kleinen kennen alle Kinder diese Sorgen. Einige Unterrichtsmaterialien arbeiten daher auch mit einfachen Übungen und Spielen. Zum Beispiel: «Was ist dein wichtigster Gegenstand, was würdest du packen etc.?»

Ergänzend zu den bereits vorletzte Woche vorgestellten Büchern seien noch erwähnt:


weitere Artikel zum Thema Flüchtlinge im Unterricht:
Mit Kindern über Flüchtlinge reden (4. April)
- Weshalb man in der Schule über Flüchtlinge reden muss (25. April)

Montag, 4. April 2016

Mit Kindern über Flüchtlinge reden

Zwei syrische Mädchen
(Bild: Ostsee-Zeitung)
Letzthin schrieb eine Journalistin des Tages-Anzeigers über einen Kindergärtler, der über ein syrisches Mädchen in seiner Klasse erzählte, das schon recht gut Deutsch spreche. Sie wollte sich sich freuen, da ergänzte dessen Mutter, dass das Mädchen auch von seinen Erlebnissen im Krieg und auf der Flucht erzählt habe. Dies wiederum habe die Eltern der anderen Kinder so irritiert, dass sie dem Mädchen verboten haben, darüber zu sprechen.

Dass die Eltern mit dieser Situation überfordert sind, das glaube ich gern. Den Entscheid hingegen, den Kindergärtlern per Zensur aus der Überforderung zu helfen, sei - und hier sei der Journalistin beigepflichtet - gelinde gesagt dumm, unmenschlich und kurzsichtig.

Dieses Verbot ist unmenschlich gegenüber dem Mädchen aus Syrien, das sich nicht mehr artikulieren darf. Es ist aber auch kurzsichtig gegenüber allen anderen Kindern, denn unabhängig davon, was ihre Eltern auch versuchen, die Kinder werden mit der Flüchtlingsthematik und deren Ursachen schneller konfrontiert als den Eltern lieb sein wird; gemäß Prognosen mehrerer Hilfswerke je länger, desto mehr. Das ist ein Verbot nur schon deshalb dumm, da sich hier die Situation böte, gemeinsam mit der Kindergärtnerin das Thema so zu thematisieren, wie es ihnen geboten scheint.

Auf lange Sicht wesentlich sinnvoller wäre es deshalb, sich bewusst und altersgerecht schon früh mit den Themenkreisen Flucht, Migration und deren Ursachen zu befassen; wenn es sich aus dem Alltag ergibt gerade jetzt. Es wäre demnach viel wichtiger und hilfreicher gewesen, schrieb die Journalistin, einen Elternabend zum Thema zu machen und sich auszutauschen – nötigenfalls mit Dolmetscher und Kinderpsychologe. Beides lässt sich einfach finden.

So hätte man mal in Ruhe besprechen können, wie man die Kinder auf altersgerechte Art an Dinge heranführen soll, die ohnehin Teil ihrer Realität sind. Und dazu gibt es viele gute Lehrmittel (für Schule und Kindergarten) und eine ganze Reihe geeigneter Bücher (auch fürs Elternhaus):

Montag, 22. Februar 2016

Fehlende Gerechtigkeit führt zu Streit

Fehlende Gerechtigkeit führt oft zu Streit. Deshalb ist es wichtig, dass die Kinder in der Schule den Umgang mit Streit kennen. Natürlich gibt es dafür kein Patentrezept. Ein kleines Mini-Lük-Heft setzt genau dort an. Es ist zwar für Kinder der zweiten und dritten Klasse verfasst, aber auch meine Viertklässler haben gerne damit gearbeitet. Es war vielleicht etwas einfach, aber so konnten wir uns mehr auf den Inhalt, Lösungsstrategien und Gefühle konzentrieren.

Das Heft regt die Kinder auf spielerische Weise an herauszufinden, auf was es ankommt, einen Streit für beide Seiten zufriedenstellend und friedlich beizulegen. Die eigenen Gefühle spielen da eine große Rolle. Zuerst muss man sie wahrnehmen und dann auch noch benennen können. Erst dann kann man einfühlsam mit seinem Gegenüber umgehen. Die Bereitschaft über das Streithema zu sprechen und dabei seine Wünsche und Gefühle auszudrücken sind die nächsten Schritte. Gemeinsam kann dann nach einer Lösung gesucht werden.

All' dies können Kinder mit Hilfe des  Mini-Lük-Heftes üben. Obwohl die einzelnen Themen hervorragend gestaltet und für Kinder dieses Alters nachvollziehbar sind, lohnt es sich, wenn ein Erwachsener dabeisitzt und das Kind begleitet - nicht beim Lösen der Aufgabe, wohl aber beim vertiefen, wozu sich die kindgerechten Illustrationen gut eignen.

Das Heft Streit! Und dann? : Richtig streiten und versöhnen - Hilfe und Anleitungen  von Susanne Kopp kann in der lokalen Buchhandlung bestellt werden. ISBN 978-3-8377-4301-2.


Alle erschienenen Beiträge in dieser Serie:
  1. Was ist gerecht?
  2. Was ist gerecht? (Fabel)
  3. Der Lehrer ist nicht nett. 
  4. Individualisierung ist ein Menschenrecht
  5. Nochmals: Was ist gerecht?
  6. Fehlende Gerechtigkeit führt zu Streit

Montag, 15. Februar 2016

Nochmals: Was ist gerecht?

Ich stellte die Frage im Januar: Was ist gerecht? Dabei erinnerte ich mich an eine Karrikatur aus dem Jahre 1976. Eine Woche später erinnerte sich eine Kollegin an eine dazu verfasste curriculäre Fabel. Erstklässler haben sich Gedanken dazu gemacht und ebenso ein Kommentator.

Meine Schulkinder haben folgendes notiert:
Es ist ungerecht, weil nicht alle klettern können.
Es ist ungerecht, weil er schwer ist.
Es ist ungerecht, weil er fliegen kann.
Es ist ungerecht, weil er im Wasser lebt.
Es ist ungerecht, weil er keine Katze ist.
Es ist ungerecht, weil der Elefant viel zu schwer ist.
Es ist ungerecht, weil der Fisch ersticken würde.
Es ist ungerecht, weil der Affe das prima kann.
Es ist ungerecht, weil der Vogel nur zwei Beine hat.
Es ist ungerecht, weil der Marabu auch nur zwei Beine hat.
Der Hund kann bellen, aber nicht klettern.
Der Seehund kann tauchen, aber nicht klettern.
Der Fisch kann schwimmen, aber nicht klettern.
Der Vogel kann fliegen, aber nicht klettern.
Nur der Affe kann klettern.



Bereits erschienene Beiträge in dieser Serie:
  1. Was ist gerecht?
  2. Was ist gerecht? (Fabel)
  3. Der Lehrer ist nicht nett. 
  4. Individualisierung ist ein Menschenrecht
  5. Nochmals: Was ist gerecht?
  6. Fehlende Gerechtigkeit führt zu Streit

Montag, 8. Februar 2016

Individualisierung ist ein Menschenrecht

Die 1976 in der Zeitschrift "Die Grundschule" veröffentlichte Karikatur Hans Traxlers, welche die letzten Beiträge illustriert hat - und auch diesen Artikel, zählt zu den meistverbreiteten Karikaturen der 1970er-Jahren.


Corredor  schrieb über dreissig Jahre später zu dieser Karikatur unter anderem (Auszüge aus dem Kommentar; der ganze Text ist verknüpft):

Selbst wenn man davon ausgeht, daß – im Prinzip – alle alles lernen können (wenn auch diese unbestimmt allgemeine Fähigkeit immer nur konkret, also historisch bedingt, existiert), dann kann mit dieser Voraussetzung nicht nur eine Gesamtschule für alle, sondern auch eine volle Integration auch behinderter Schüler gut begründet werden. Aber auch das hat mit einer Individualisierung des Unterrichts nichts zu tun. Die Forderung nach Individualisierung (nicht: Differenzierung!) bliebe nach wie vor moralisch.
Nur weil die Individualisierung des Lernens als eine unvermeidbare Tatsache angesehen werden muß, ist die Forderung nach einer Individualisierung des Unterrichts nicht nur legitim, sondern ein Menschenrecht. Aus zwei Gründen. Weil alle Menschen Individuen sind, einmalig, unverwechselbar, nicht austauschbar und nicht teilbar, besitzen sie auch die allgemeine Lernfähigkeit, alles lernen zu können, in individuell einmaliger Form – und dies als eine unverlierbare, genetisch fixierte Anlage, die sie selbst spätestens von Geburt an im Gebrauch zunehmend individualisieren und konkretisieren.
Diese Individualisierung beruht auf der ebenfalls genetisch fixierten Notwendigkeit, nur das zu lernen, was persönlich sinnvoll ist. Schon Tiere lernen – selbst in der Dressur – nur das, was biologisch sinnvoll für sie ist. Erst recht für Menschen gilt der Sinnbezug als unverzichtbares Kriterium für das Lernen – welcher Inhalte auch immer. Persönlicher Sinn kann aber nicht vermittelt werden.Sinngebung (bzw. Sinnbildung) ist eine unhintergehbare individuelle Leistung.
Dann aber können nicht zwei Menschen dasselbe auf dieselbe Weise lernen, geschweige denn eine ganze Schulklasse! Jeder Unterricht überfordert sich hoffnungslos, der das auch nur versucht. Und wenn nachweislich doch gelernt worden ist, dann – wie Luhmann sagt – „trotz des Unterrichts“. Die Individualisierung des Unterrichts besteht so gesehen in der Hilfestellung zur persönlichen Sinngebung (bzw. Sinnbildung) jedes einzelnen Schülers.

Alle erschienenen Beiträge in dieser Serie:
  1. Was ist gerecht?
  2. Was ist gerecht ? (Fabel)
  3. Der Lehrer ist nicht nett.
  4. Individualisierung ist ein Menschenrecht
  5. Nochmals: Was ist gerecht?
  6. Fehlende Gerechtigkeit führt zu Streit


Montag, 1. Februar 2016

Der Lehrer ist nicht nett.

(Hans Traxler, 1976)
Erstklässler einer österreichischen Schule haben sich Hans Traxlers Karikatur angeschaut und unter anderem die folgenden Aussagen gemacht:

  • Der Elefant kommt nicht auf den Baum.
  • Der Vogel ist stolz, weil er rauffliegen kann.
  • Der Elefant ist viel zu schwer. Da bricht der Baum nur zusammen.
  • Der Fisch kann nicht klettern.
  • Der Lehrer ist nicht nett. 
  • Für den Affen ist das Klettern leicht.
  • Der Lehrer weiß, daß manche Tiere nicht auf den Baum klettern können. Er ist nur zu dem Affen nett.
  • Der Fisch sagt: "Ich kann nicht hinaufklettern. Ich brauche Wasser."
  • Hund: Wie soll ich da hinaufkommen?
  • Lehrer: Wollt ihr nicht alle das Klettern lernen?
  • Der Mann stellt ihnen eine blöde Aufgabe.
  • Die Robbe kann sowieso nicht hinauf, sonst reißt sie sich die Flossen auf. Sie sagt: "Ich rutsche dauernd ab."
  • Beim Elefanten fällt der Baum um.
  • Der Vogel braucht gar nicht klettern. Er kann fliegen.
  • Der Fisch kann nicht aus dem Wasser, sonst wird er tot.
Interessant sind meines Erachtens, dass die Kinder nicht nur die Möglichkeiten der Tiere erörtern, sondern auch die drei Kommentare über den Lehrer. Er sei nicht nett, wird gesagt, und er stelle eine blöde Aufgabe. Blöd deshalb, weil er wisse, dass manche Tiere die Aufgabe schlicht nicht lösen könnten.

Und wie halten wir es in unserem Schulzimmer? Sind wir nett oder nicht nett? Stellen wir blöde Aufgaben oder schlaue? Verlangen wir Dinge von unseren Kindern, bei denen es sonnenklar ist, dass sie die Aufgabe nicht lösen können?


Bereits erschienene Beiträge in dieser Serie:
  1. Was ist gerecht?
  2. Was ist gerecht ? (Fabel)

  3. Individualisierung ist ein Menschenrecht


Montag, 25. Januar 2016

Was ist gerecht?

Farbig. (Hans Traxler)
Auf die letzte Woche gestellte Frage, erinnerte sich eine Kollegin an eine curriculare Fabel, die vor knapp zwanzig Jahren zur bekannten Karikatur "Klettern sie alle auf einen Baum" geschrieben worden war.

Eine curriculare Fabel oder
Das Konzept der Unterschiede

Es gab einmal eine Zeit, da hatten die Tiere Schule. Das Lernen bestand aus Rennen, Klettern, Fliegen und Schwimmen. Und alle Tiere wurden in allen Fächern unterrichtet.

Die Ente war gut im Schwimmen; besser sogar noch als der Lehrer. Im Fliegen war sie durchschnittlich, aber im Rennen war sie ein besonders hoffnungsloser Fall. Da sie in diesem Fach so schlechte Noten hatte, mußte sie nachsitzen und den Schwimmunterricht fallen lassen, um das Rennen zu üben. Das tat sie so lange, bis sie auch im Schwimmen nur noch durchschnittlich war. Durchschnittsnoten aber waren akzeptabel, darum machte sich niemand Gedanken darum, außer der Ente.

Der Adler wurde als Problemschüler angesehen und unnachsichtig und streng gemaßregelt, da er, obwohl er in der Kletterklasse alle anderen schlug, als erster den Wipfel eines Baumes zu erreichen, darauf bestand, seine eigene Methode anzuwenden.

Das Kaninchen war anfänglich im Laufen an der Spitze der Klasse, aber es bekam einen Nervenzusammenbruch wegen des vielen Nachhilfeunterrichts im Schwimmen und mußte von der Schule abgehen.

Das Eichhörnchen war Klassenbester im Klettern, aber sein Fluglehrer ließ ihn seine Flugstunden am Boden beginnen, anstatt vom Baumwipfel herunter. Es bekam Muskelkater durch die Überanstrengung bei den Startübungen und immer mehr „Dreier im Klettern und „Fünfer im Rennen.

Die mit Sinn fürs Praktische begabten Präriehunde gaben ihre Jungen zum Dachs in die Lehre, als die Schulbehörde es ablehnte, Buddeln in das Curriculum aufzunehmen. Am Ende des Jahres hielt ein anormaler Aal, der gut schwimmen, etwas rennen, klettern und fliegen konnte, als Schulbester die Schlußansprache.

Quelle: Boensch, M.: Innere Differenzierung. In: Wirtschaft und Erziehung. 7-8/97, S. 233-238.



Bereits erschienene Beiträge in dieser Serie:
  1. Was ist gerecht?

  2. Der Lehrer ist nicht nett.
  3. Individualisierung ist ein Menschenrecht


Montag, 18. Januar 2016

Was ist gerecht?

Zeichnung: Hans Traxler
Was ist gerecht? Diese Frage stellt sich immer wieder, gerade auch in der Schule.
  • Ist es gerecht, wenn ich bei L. akzeptiere, dass er beim Nachhausegehen neben dem Etui noch ein Farbstiftmäppchen auf der Bank hat, deren Reißverschluss nicht verschlossen ist?
  • Ist es gerecht, wenn ich bei R. zwar verlange, dass der abends seinen Platz aufräumt, aber durchlasse, dass nur ein Teil unter der Bank, der andere Teil auf dem Fenstersims daneben ist?
Und wie bringe ich es den Kindern bei, dass es verschiedene Gerechtigkeiten gibt? Eine absolute Gerechtigkeit (alle gleich), die im Einzelfall dann sehr ungerecht sein kann, ebenso wie eine relative, die jeden nach seinem Können misst, dafür jeden mit einer unterschiedlichen Elle. Was ist gerecht?

Ich erinnerte mich an nebenstehende Karikatur aus dem Jahr 1976. Was werden meine vier Buben* dazu sagen? Und was auf die Frage: Was ist gerecht?

*Der Autor unterrichtet an einer Kleinklasse mit normalbegabten verhaltensauffälligen Kindern.






Bereits erschienene Beiträge in dieser Serie:

  1. Was ist gerecht ? (Fabel)
  2. Der Lehrer ist nicht nett. 
  3. Individualisierung ist ein Menschenrecht