Samstag, 25. Oktober 2025

Schule muss langsamer werden

Die Welt verändert sich gerade radikal. Sollte sich die Schule auch radikal verändern? Auf diese Frage antwortete Erziehungswissenschaftler Prof. Roland Reichenbach kürzlich in einem Interview:

Im Gegenteil, wenn alles schneller wird, sollte die Schule langsamer werden. Lesen, schreiben und rechnen lernen benötigen Zeit und Übung. Ich jogge zum Beispiel nicht gern, und wenn es eine KI gäbe, die mir das abnehmen könnte, würde ich sie machen lassen. Aber das geht eben nicht. Üben ist mühsam. Das wird sich nie ändern. Schon Hannah Arendt schrieb, dass Bildung ein konservatives Geschäft sei. Und zwar konservativ im Sinne von konservieren. Man sollte das, was sich bewährt hat, bewahren und weitergeben. Im Übrigen hat man der Schule schon immer vorgeworfen, sie sei träge.

Obwohl: Die Digitalisierung hat die Schule längst erreicht. Das Problem ist, dass das Neue einen prinzipiell guten Ruf hat. Von dieser Neomanie ist auch die Schule geprägt. Neu ist besser, während das Alte verpönt ist. Natürlich kann sich die Schule nicht von den digitalen Medien lösen, und es wäre auch dumm, das zu fordern. Aber sie kann sich von ihrer Dominanz lösen. Also von ihrer Selbstverständlichkeit und Aufdringlichkeit. Dass wir immer und überall vor diesen Bildschirmen sitzen, ist erbärmlich, da muss die Schule nicht auch noch mitmachen. Das Problem ist, dass die digitalen Medien uns ablenken. Es sind nicht die Medien an sich, es ist die Zeit, die man verschwendet, ohne damit den Menschen zu stärken. Mit Lernen hat dieses schnelle Sich-ins-Bild-Setzen nichts zu tun. Es hat mit Üben nichts zu tun. Es hat nichts mit Verfeinerung des Denkens oder des Urteilens zu tun. Deshalb ist weniger Digitalität sicher mehr.

Donnerstag, 25. September 2025

Sprachen lernen - aber richtig

Sprachen lernen gehört zur Schule, wie das Amen zur Kirche. Am einfachsten gibt man den Kindern Wörtli (in Deutschland Vokabeln genannt) auf, die diese lernen müssen und die man regelmässig abfragen und benoten kann.

Zuallererst verweise ich auf einen Beitrag, den ich schon vor Jahren veröffentlicht habe. Der eingebettete Film (am Beispiel Französisch), ist heute noch genau so gültig wie damals und hat in der Zwischenzeit schon hunderten, wenn nicht tausenden von Eltern geholfen, ihre Kinder bei den Hausaufgaben effizient zu unterstützen: Wörter richtig lernen

Nach dem richtigen Wörter lernen kommt das richtige Wörter abfragen. Dazu schrieb ich vor sieben Jahren, wie ich es während Jahren gemacht habe. Nun gibt es zu dem Thema einen äusserst lesenswerten Artikel, der alles bisherige auf den Kopf stellt. In der Tat ist es wichtig, im Französisch-Unterricht nur Französisch oder im Englisch-Unterricht nur Englisch zu bewerten. Das heisst: was auf deutsch sinngemäss stimmt, darf nicht falsch sein, da z.B. die deutsche Rechtschreibung oder mangelhafter deutscher Wortschatz nicht Bestandteil der Fremdsprachennote sein darf. Ein Mädchen übersetzte einmal "la casquette" mit "Tschäppy", was umgangssprachlich für Schirmmütze ist. Es bekam den Punkt.

Aufpassen muss man auch mit Muttersprachlern, oder cleveren Kindern, die gegebenenfalls andere Ausdrücke kennen, als auf der Wörterliste stehen, jedoch das gleiche bedeuten. Ist ein "breakfast" etwa kein "Frühstück", sondern nur ein "Morgenessen"?

Jakob Wüest weist in "Der moderne Fremdsprachenunterricht" [1] richtigerweise darauf hin, dass [i]n Übereinstimmung mit neuen pädagogischen Einsichten [. . .] dem Wortschatz eine wichtige Rolle zu[kommt], was mit möglichst vielseitigen Wortschatzübungen im Unterricht umgesetzt wird. Diese können allerdings die systematische Repetition des Wortschatzes durch die Schulkinder selbst nicht ersetzen.

Die bekannteste Methode, Wörter zu lernen, ist die Übersetzung, obwohl wir alle wissen, dass je nach Kontext eine Übersetzung unterschiedlich ausfallen kann. Sie kann deshalb nur ein Einstieg ins Wörterlernen bieten, mehr nicht. Es darf dabei auch nicht vergessen werden, dass viele Kinder zu Hause nicht deutsch sprechen, weshalb sie dann unter Umständen nicht an der Fremdsprache, sondern an der deutschen Übersetzung scheitern.

Wüest nennt verschiedene Methoden. Die Autoren des äusserst durchdachten Französischlehrgang Envol haben auf den bekannten tschechischen Pädagogen  Johann Amos Comenius und dessen Orbis sensualium pictus von 1653 zurückgegriffen und dem Buch eine Wörterkartei mit Bildern beigelegt: 500  Wortschatzkärtchen mit den Wörtern, manchmal ergänzt mit einem Satz (Wort im Kontext), auf der Rückseite ein aussagekräftiges Bild. Die Lehrer waren zuerst entsetzt (was ist nun die richtige Übersetzung?, die Kinder begeistert (das führte dann zu vorgenanntem Tschäppy und gleichlangen Spiessen für alle DAZ-Kinder).


[1] Jakob Wüest: Der moderne Fremdsprachenunterricht. Zürich, 2001: Lehrmittelverlag. ISBN 3-906743-51-9 (bei Amazon bestellen oder bei Eurobuch bestellen)

Scan https://www.optimisme.ch/files/documents/fd_I_teil1_envol_wueest.pdf


Freitag, 13. Juni 2025

Informatik - aber wie?

Vor einigen Jahren schon hatte ich das Glück Prof. Juraj Hromkovič kennenzulernen. Er setzt sich seit Jahren, um nicht zu sagen seit Jahrzehnten für einen vernünftigen Einsatz von Rechnern an der Schule ein. Leider werden seine wohl überlegten Aussagen von der Politik oft ignoriert. 

An einer Buchpräsentation des Klett-Verlages wurde er als Autor gefragt, wie man denn vorgehen sollte, wenn man nicht genügend PC im Schulzimmer habe. Seine Antwort war einfach: für einen Band braucht man gar keinen PC für Informatik, beim zweiten für einen Teil der Aufgaben, nur für den Band Programmieren braucht jedes Kind Zugang zu einem Rechner. Dabei bestätigt die Erfahrung, dass spannender Informatikunterricht in vielen Fällen auch ohne elektronisches Gerät auskommt.

Vortrag Prof. Juraj Hromkovič (20 min)

Einer seiner Vortäge wurde aufgezeichnet. Auch für uns von der Primarschule gibt das viel her: Verstehen, was Informatik eigentlich ist (eine der ältesten Wissenschaften der Welt); was Informatik mit Mathematik zu tun hat, und wie Informatik den Deutschunterricht stärkt. Wer hier etwas begreift, muss keine Angst vor Computern haben, denn um die geht es gar nicht...

In einen Satz zusammengefasst: Bei Juraj Hromkovič geht es um weniger Computer und mehr Informatik; weniger Maschinen und mehr Denken. Das ist ein Ansatz, der mir gefällt; sehr gefällt sogar.

Schulbücher von Juraj Hromkovič (mehrmals verwendbare Bücher!):

Für 1. bis 4. Klasse

  • Einfach Informatik Zyklus 1: Rätsel und Spiele ohne Computer (Handbuch)
  • Einfach Informatik Zyklus 1: Rätsel und Spiele ohne Computer (Spielkarten)
  • Einfach Informatik Zyklus 1: Spielerisch programmieren (Handbuch)

Für 3. bis 4. Klasse

Für 5. bis 6. Klasse (6jährige Primarschule nach Schweizer System)

Für 7. bis 10. Klasse (Sekundar I):

Für 8. bis 14. Klasse (Sekundar II):

  • Informatik: Programmieren und Robotik (Schulbuch)
  • Informatik: Daten verwalten, schützen und auswerten (Schulbuch / erscheint im Juni 2022)
  • Informatik: Algorithmen (Schulbuch / erscheint im Mai 2023)
  • Informatik im Ergänzungsfach: Programmieren, Daten und Algorithmen vertiefen (Schulbuch / erscheint im Juli 2023)

 

 

Sonntag, 13. April 2025

Früheste Erinnerungen nicht mehr greifbar

Noch immer ist es ein Rätsel, warum wir uns nicht an die frühe Kindheit erinnern können. Ist das Hirn zu unreif oder fehlt uns die Sprache? Wer mit einem Zwei- oder Dreijährigen spricht, der weiss, dass sich kleine Kinder durchaus an Ereignisse erinnern können, die gestern oder letzte Woche passiert sind. Was geschieht mit diesen Erinnerungen, wenn das Kind grösser wird? Das Speichern von Erinnerungen im Gehirn ist ein komplexer Vorgang, der noch nicht komplett erforscht ist. 

Was man weiss: Die Erinnerungen werden zuerst abgespeichert, dann konsolidiert, also vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis übertragen. Dadurch entstehen neue Verbindüngen in der Hirnstruktur, um die Erinnerungen langfristig zu speichern. Kinder ab ungefähr 12 Monaten schauten in einer Studie jene Bilder, die sie schon kannten, länger an als neue Bilder.  Das werteten die Forscher als Erinnerung. Bei Kindern unter einem Jahr funktionierte das noch nicht. Folglich sind Erinnerungen ab rund einem Jahr möglich. Aber der Zugang zu diesen Erinnerungen geht später offenbar verloren. 

Carole Peterson, eine Psychologin der Universität von Neufundland, beschäftigt sich seit rund zwanzig Jahren mit den frühesten Kindheitserinnerungen und hat verschiedene Studien zu diesem Thema verfasst. Sie hat festgestellt, dass sich die früheste Erinnerung verändert. 90 Prozent der Vier- bis Siebenjährigen, die sie interviewt hatte, konnten sich zwei Jahre später nicht mehr an das erinnern, was sie der Psychologin als früheste Erinnerung erzählt hatten. Vierjährige wiederum konnten sich durchaus an Ereignisse vor dem dritten Geburtstag erinnern, doch im Alter von sechs Jahren hatten die Kinder diese Erinnerungen vergessen. Auch das deutet darauf hin, dass die Erinnerungen zwar gespeichert werden, aber durch spätere Prozesse nicht mehr abrufbar sind. Zudem gibt es Vermutungen, dass der Spracherwerb eine Rolle spielen könnte. Dass man Erlebtes erst dann besser speichern kann, wenn man Worte dafür hat.

Ausführlicher Artikel aus dem Bund.